Hunde schwitzen mit der Nase

Christoph Jung | 14. Juni 2011

Link zum Artikel in "Hounds & People"

 

Hunde kommen mit Hitze schlechter zurecht als mit Kälte.

 

Ihnen fehlt eine Funktion der Haut. Die Haut ist das größte aller Organe beim Hund wie beim Mensch. Menschen können über die Haut ihre Temperatur senken.

 

Sie schwitzen und über das Schwitzen entsteht Verdunstungskälte, die das Blut kühlt. Hunde können das nicht. Daher können sie höhere Temperaturen des Körpers, die etwa durch sommerliche Hitze, körperliche Anstrengung oder mentale Erregung entstehen, schlechter ableiten. Lange nahm man an, dass Hunde ihre Temperatur durch Poren zwischen den Zehen und im wesentlichen durch das Hecheln kühlen. Messungen der Wissenschafter zeigten aber, dass Hunde immer durch die Nase ein- und dann durch den Mund ausatmen. Die Verdunstungskälte, die unmittelbar durch das Hecheln erzeugt wird, wird also lediglich beim Ausatmen auf der kleinen Fläche der Zunge wirksam.

 

Thermoregulation durch die Nase

 

Professor Dr. Oechtering von der Uni Leipzig hat nun nachgewiesen, dass der Nase die wesentliche Funktion bei der Thermoregulation der Hunde zukommt. Was bei uns die Haut leistet, leistet eine ebenso riesige, dicht gefaltete Oberfläche in der Nase. Diese wird aus extrem feinem und gut durchbluteten Faltengewebe gebildet, das beim Einatmen belüftet werden.

 

Die Nase der Hunde hat also drei vitale Funktionen: die Atmung, das Riechen und die Regulierung der Körpertemperatur.
Oechtering hat herausgefunden, dass nur der vordere Teil der Nase zum Riechen gebraucht wird. Das Riechephitel, das die Riechsignale an das Gehirn weiterleitet, sitzt etwa in der Mitte einer Hundenase. Welche Funktion sollte dann der Rest der Nase haben? Die Funktion der Thermoregulation durch die Nase der Hunde hatte man in der Wissenschaft bisher nicht erkannt. Aber sie nutzt mehr als die Häfte der Nase. Sie nimmt in der Hundenase den meisten Platz ein. Oechterings Entdeckung ist eine Sensation für das Verständnis des Hundes. Wir können nun viel besser nachvollziehen, wie sein Körper funktioniert und insbesondere die Hechelatmung.

 

Von vitaler Bedeutung ist diese Erkenntnis für die kurzschnäuzigen Rassen wie etwa Mops, Pekinese, Bully oder Bulldog. Durch die Extremzucht der letzten 30 Jahre wurden die Nasen immer kürzer. Entsprechend sind die Funktionen eingeschränkt, ja weitgehend zerstört.

Die Show-Zucht nimmt den Hunden vitale Funktionen. Bisher dachte man nur an die gestörte Atmung in Folge der so genannten Brachyzephalie. In der Literatur wird das Brachyzephale Atemnotsyndrom (BAS) beschrieben.
Erfahrenen Kenner der Plattnasen war aber schon immer aufgefallen, dass sich extremes Hecheln auch ohne Atemnot zeigen kann. Es ist diemangelnde, ja fast verlorene Fähigkeit der Nase, die innere Temperatur dieser Hunde herunterzukühlen, die zur gestörten Atmung hinzukommt. Ein wahrer Teufelskreis für diese armen Hunde. Daher kann in akuten Notfällen eine einseitig auf die Verbesserung der Sauerstoffzufuhr ausgelegte Therapie nicht fruchten, wenn nicht zugleich Maßnahmen zur Senkung der Temperatur eingeleitet werden. Nun können wir besser Verstehen, warum extreme Plattnasen nicht nur unter Atemnot, vielmehr auch unter großer Empfindlichkeit bei hohen Temperaturen leiden.

 

Zucht auf extrem kurze Schnauzen zerstört vitale Funktionen

 

Das erweiterte Verständnis der Hundenase, ihrer komplexen Bedeutung für vitale Funktionen des Hundes sollte den Züchtern, den Veranstaltern der Hunde-Ausstellungen und auch den Welpenkäufern dringend als Warnung vor der Zucht auf extreme Kurzschnäuzigkeit dienen. Eine solche Zucht ist nichts anderes als Qualzucht. Mit dem Kauf solcher Welpen macht man sich objektiv zum Mittäter. Professor Oechterung appelliert:

 

“Es ist höchste Zeit für ein radikales Überdenken der brachyzephalen Zucht. Letztlich handelt es sich bei der Brachyzephalie um eine zu 100 Prozent Menschen gemachte Erkrankung. Wir Tierärzte als die Experten für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere müssen eine sehr viel aktivere Rolle in der öffentlichen Diskussion übernehmen. Zuchtverbände und ihre wissenschaftliche Berater stehen vor der großen Herausforderung, diese alten Rassen zu retten. Erste erkennbare zaghafte Anstrengungen in dieser Richtung reichen dabei jedoch keineswegs aus, vielmehr müssen die Zuchtstandards rigoros überarbeitet werden und ausschließlich die Tiergesundheit in den Fokus stellen, nicht etwa das Aussehen. Etwas mehr Nase wird den einzigartigen Charakter dieser Hunde sicherlich nicht verderben.”

 

Gerhard Oechtering, Das Brachyzephalensyndrom – Neue Informationen zu einer alten Erbkrankheit  in Veterinary Focus Vol 20 No 2 2010 Literatur unter: http://www.kleintierklinik.uni-leipzig.de/BZS/index.php?de=publikationen